Jemen, Der blinde Krieg

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Wie der massenhafte Einsatz von Explosivwaffen den Jemen zerstört

Die internationale Koalition, die von Saudi-Arabien angeführt wird, hat seit März 2015 über 18.000 Luftangriffe geflogen. Ein Drittel dieser Angriffe traf zivile Ziele wie beispielsweise Märkte, Wohnhäuser, Krankenhäuser oder Wasserstellen.

 

Auch Landminen, die man in kriegerischen Auseinandersetzungen schon fast ausgestorben glaubte, kommen im Jemen erneut zahlreich zum Einsatz. Der Landminenmonitor 2018 berichtet, dass die Huthi-Kräfte sowohl Antipersonenminen als auch Antifahrzeugminen verlegt haben, vor allem an der Westküste des Landes nahe dem Hafen von Hodeidah. Der Jemen ist heute eines der am stärksten mit explosiven Kriegs- und Minenresten verseuchten Länder der Welt.

 

Aktuelle Zahlen der Vereinten Nationen beziffern eine Anzahl von 70.000 Opfern, davon:

• Mindestens 6.000 getötete Zivilist/-innen

• Und 10.500 verletzte Zivilist/-innen

HI’s Leiterin der Mission im Jemen

HI arbeitet mit lokalen medizinischen Teams in sechs Krankenhäusern und zwei Rehabilitationszentren in Sana‘a im Norden des Landes zusammen. Maud Bellon, die Leiterin der HI-Mission im Jemen, beschreibt die katastrophale Situation in überfüllten Gesundheitseinrichtungen und den vielen traumatisierten Patient/-innen.

Landminen und Bombenangriffe – die grausame Bilanz über zivile Opfer

In den sechs Krankenhäusern und zwei Rehabilitationszentren, in denen HI in der Hauptstadt Sana‘a tätig ist, kümmert sich die Organisation um eine enorm hohe Anzahl an Opfern von Landminen und Bombenangriffen. HI hat seit Ende 2015 bereits über 800 Opfer von Landminen*, improvisierten Sprengkörpern und explosiven Kriegsresten (darunter auch Reste von Streubomben*) versorgt. Darüber hinaus hat HI innerhalb von drei Jahren etwa 1.800 Überlebenden von Bombenangriffen geholfen. Insgesamt sind das über 2.500 Opfer von explosiven Waffen, die HI seit Ende 2015 behandelt hat.

* Der Einsatz von Antipersonenminen und Streubomben ist nach internationalem Recht verboten.

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HI in Sana‘a

Über 80 Mitarbeitende von HI sind seit 2015 in sechs Krankenhäusern und zwei Reha-Zentren im Einsatz:

1.         Reha-Behandlungen und Konsultationen: 20.000 Menschens
2.         Psychologische Unterstützung: 20.000 Menschen
3.         Verteilung von Gehhilfen, Rollstühlen, Prothesen usw. an 21.000 Menschen
4.         200 Menschen mit Prothesen und Orthesen ausgestattet.;
5.         Verteilung von 700 Hygienesets
6.         Schulung von 500 Gesundheitsfachkräften für Reha-Massnahmen
7.         Finanzielle Unterstützung für 600 Haushalte.

HI-Programme in Aden, Hodeidah und Hajjah

HI bereitet derzeit Aktivitäten im Bereich der Rehabilitation und psychologischen Unterstützung in mehreren Krankenhäusern und Gesundheitszentren in Aden, Hodeidah und Hajjah vor. Die Teams werden so eng wie möglich mit den Gemeinden zusammenarbeiten. HI übernimmt die Kosten für die Transporte zum Krankenhaus.

Yasser – Mit 12 Jahren alles verloren

Yasser macht mit seinem Vater seine Hausaufgaben auf der Dachterrasse seines Hauses in Taez, als eine Rakete explodiert. Am nächsten Tag erwacht der 12-Jährige im Krankenhaus aus dem Koma. Sein Vater wurde getötet, sein Haus zerstört und sein rechtes Bein amputiert. 

Yasser – Mit 12 Jahren alles verloren

„Wir holten ihn aus der Isolierung. Wir gaben ihm Unterarmgehstützen, mit denen man sich besser bewegen kann als mit den Achsel-Gehstützen, die er vorher hatte. Wir nahmen ihn in eine Gruppe von gleichaltrigen Kindern auf, die in derselben Situation waren und auch wieder laufen lernen mussten. Die Aussicht auf eine Prothese hat ihm die Hoffnung wiedergegeben, dass er eines Tages wieder ein normales Kind sein"

Yasser – Mit 12 Jahren alles verloren

Nach einem Monat beschliesst seine Mutter, ihn mit nach Sana‘a zu nehmen, wo er von HI behandelt werden kann.

Yasser – Mit 12 Jahren alles verloren

Sana, HI-Psychologin, erzählt von ihrem ersten Treffen mit Yasser: „Yasser hatte die Lust auf alles verloren. Er redete nicht mehr und verweigerte jeden Kontakt. Wir mussten ihm helfen, das zu überwinden und seine Lebensfreude wiederzufinden.“

Der soziale und wirtschaftliche Zusammenbruch im Jemen

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Unterversorgung
Der Jemen ist abhängig von Importen. Diese werden durch die Kämpfe und die Blockade schwer beeinträchtigt, die seit 2017 von der internationalen Koalition unter Anführung Saudi-Arabiens auferlegt wurde. Vor dem Konflikt importierte der Jemen 90 Prozent seiner Grundnahrungsmittel aus dem Ausland. Doch heute sind sie kaum mehr verfügbar.

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Inflation

Wenn diese Güter doch auf den Markt kommen, sind sie aufgrund der rasant steigenden Inflation der letzten Monate für die meisten Menschen unerschwinglich. Zum Beispiel hat sich der Preis für Benzin in den letzten drei Jahren verdreifacht. Laut der Nichtregierungsorganisation Care war der Preis von einem Kilo Reis am 31. Oktober 2018 so hoch wie 65 Prozent des Durchschnittseinkommens einer Person. Der Zugang zu öffentlichen Versorgungsleistungen, insbesondere für Menschen in abgelegenen Gegenden, ist aufgrund der hohen Kosten und der gestiegenen Transportgebühren schier unmöglich geworden.

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Zusammenbruch der Versorgung

Die meisten Gehälter des öffentlichen Dienstes werden nicht mehr ausbezahlt. So haben Lehrkräfte, medizinisches Personal und Verwaltungsangestellte keine Mittel mehr, um für ihren Lebensunterhalt aufzukommen. Der Großteil von ihnen weigert sich, unbezahlt weiter zu arbeiten, sodass die öffentliche Versorgung zusammenbricht. Darüber hinaus leiden auch die öffentlichen Einrichtungen unter den Kämpfen und der Zerstörung der Infrastruktur. Die Hälfte aller Gesundheitseinrichtungen ist zum Beispiel nicht mehr funktionstüchtig.

„Spezielle Kriegs-Reha-Maßnahmen aufgebaut“

HI hat in der Hauptstadt Sana‘a spezielle Reha-Maßnahmen für Notfälle eingerichtet. Einer der Physiotherapeuten von HI, Aiman al-Mutawak, erklärt die Besonderheiten der Rehabilitation in Kriegssituationen.

 

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MOBILITÄT

Wenn jemand einen chirurgischen Eingriff hinter sich hat, wird er schon ab dem Folgetag von HI behandelt. Zunächst erhält er oder sie eine Gehhilfe wie etwa Krücken, um sich möglichst selbständig fortbewegen zu können. So erhält der Patient seine Mobilität und Würde zurück: Er kann allein zur Toilette gehen und ist nicht von anderen abhängig, die ihn begleiten müssten. Psychologisch betrachtet verändert das schon vieles.

ÜBUNGEN

Dann beginnt der Physiotherapeut mit der Behandlung. Dazu zählen sanfte Übungen, Massagen der Wunde, um der Entstehung von Versteifungen vorzubeugen sowie praktische Ratschläge für den Patienten und seine Angehörigen. Dazu zählen Fragen wie: Wie reinigt man den Stumpf nach einer Amputation, welche wenig schmerzhaften Bewegungen kann man machen, welche Übungen helfen, die Mobilität zu fördern, wie bereitet man sich auf eine Prothese vor usw. Die Angehörigen und Helfer spielen eine wichtige Rolle für die Genesung des Patienten.

NOTHILFE

Vorher gab es in Sana‘a keine solche postoperative Versorgung. Wir haben die Notfall-Reha aufgebaut und über 500 medizinische Fachkräfte geschult. Früher blieben die Patienten tagelang oder gar wochenlang in derselben Position im Krankenbett liegen, ohne sich zu bewegen, und kehrten dann nach Hause zurück. So war das Risiko für Gelenkversteifungen und Verspannungen der betroffenen Gliedmaßen sehr hoch, was dazu führte, dass die Patienten nur schwer wieder laufen konnten (wenn die Beine betroffen waren) oder Probleme bei Alltagsbewegungen wie essen und trinken hatten (wenn die Arme betroffen waren).

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SENSIBILISIERUNG

Wir erklären den Patienten die Ziele der Reha-Übungen. Es geht darum, dass sie das Bein oder den Arm wieder beugen können, um Treppen zu steigen, um Bewegungen des Alltags zu machen, wie etwa sich waschen, trinken, sich anziehen… Sie müssen verstehen, dass sie ihre Übungen gut machen müssen, weil sie sonst das Risiko eingehen, eine bleibende Behinderung davonzutragen.

ALLTAG

Wir verbinden die Übungen immer mit bestimmten Gesten und Beispielen aus dem Alltag, um sicherzustellen, dass der Patient sie auch zuhause macht. Denn die Patienten werden schnell aus den oft stark überfüllten Krankenhäusern entlassen. Wir müssen ihnen ein Maximum an Informationen in kurzer Zeit mit auf den Weg geben und ihnen alle Möglichkeiten eröffnen, die Übungen zuhause gut wiederholen zu können.“

Opfer von Landminen – Reha in 10 Schritten

Wenn jemand auf eine Landmine getreten ist, folgt häufig eine Amputation. Für den Heilungsprozess sind sowohl körperliche Reha-Maßnahmen als auch eine psychologische Unterstützung notwendig. Die Betroffenen durchlaufen dabei folgende 10 Schritte:

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