Die syrische Bevölkerung muss vor den Explosivwaffen geschützt werden!

Während der Konflikt in Syrien ins sechste Jahr geht, hat das tägliche Leiden der Bevölkerung ein Ausmass und eine Intensität von ungeheuren Dimensionen erreicht. Die Bilanz ist erschütternd: über 250'000 Tote und mehr als eine Million Verletzte.

Mahmoud, 7 Jahre alt, im Za'atari Camp, Jordanien

Mahmoud, 7 Jahre alt, im Za'atari Camp, Jordanien | (c) Sarah Pierre / Handicap International

Petra Schroeter

Die Lage der 20 Millionen Überlebenden ist verzweifelt. Die allgegenwärtige Gefährdung durch Kämpfe und Bombenangriffe zwingt die Zivilisten zur Flucht. 4,6 Millionen sind schon in Nachbarländer geflüchtet, wo viele nur mit Mühe etwas zu Essen und ein Dach über dem Kopf finden.

Im Innern des Landes sind 13,5 Millionen Syrer von humanitärer Hilfe abhängig. Von ihnen leben 4,5 Millionen von Kämpfen eingeschlossen in belagerten oder schwer zugänglichen Gebieten. Es fehlt ihnen an Wasser, Nahrung und medizinischer Versorgung.

In den bevölkerten Gebieten werden massiv Explosivwaffen eingesetzt, auch die nach internationalen Verträgen verbotenen Streubomben und Anti-Personen-Minen, mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung. Sie verursachen Leiden, schwere Verletzungen und Behinderungen und tiefe psychische Traumata.

Zudem zerstören sie alle Infrastrukturen: Wohnungen, Schulen und Spitäler werden dem Erdboden gleichgemacht! Unter Missachtung humanitären Völkerrechts wurden seit Beginn des Jahres Angriffe auf 13 Gesundheitszentren und Spitäler verübt.

Die Schäden in den Städten, wie zum Beispiel in Kobane, sind grauenvoll. Nach 700 Luftschlägen und endlosen Bodenkämpfen sind fast 80% der Stadt zerstört. Das gewaltige Ausmass der Zerstörungen erinnert an Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg. Schon im April 2015 hat Handicap International in Kobane eine extrem dichte und vielfältige Verseuchung durch explosive Kriegsmunitionsrückstände festgestellt (10 Kampfmittel pro Quadratmeter im Stadtzentrum).

Ein hoher Prozentsatz dieser Waffen explodiert nicht beim Einschlag und bildet für die Überlebenden noch lange nach Beendigung der Kämpfe eine ständige tödliche Bedrohung. Am Boden bleibt ein regelrechter „Explosivwaffenmarkt“ zurück, der die Rückkehr der Bevölkerung in ihre Stadt verhindert.

In ihrem Bericht „The use of explosive weapons: a time bomb in the making“ vom Mai 2015 (übersetzt „Der Einsatz von Explosivwaffen in Syrien: ein tödliches Erbe“) macht Handicap International auf die hohe Verseuchung des ganzen Landes mit diesen Kampfmitteln aufmerksam. Über 5 Millionen Syrier, darunter mehr als 2 Millionen Kinder, leben in hochgradig verseuchten Zonen.

Die Organisation hat sich seit ihrer Gründung den Kampf gegen die Explosivwaffen und ihre Folgen auf ihr Banner geschrieben. In Genf symbolisiert Broken Chair diesen Kampf gegen die Gewalt, die in bewaffneten Konflikten an den Zivilbevölkerungen verübt wird. Das Denkmal gegenüber den Vereinten Nationen ist eine Herausforderung an die Adresse der internationalen Gemeinschaft. Es erinnert sie an die Verpflichtung, humanitäres Völkerrecht zu respektieren und die Zivilisten in bevölkerten Gebieten gegen den Einsatz von Explosivwaffen zu schützen.

Das grauenhafte Morden der syrischen Bevölkerung muss scharf verurteilt werden, und die Zerstörung von Wohnungen, Schulen und medizinischen Zentren ist als Kriegsverbrechen zu betrachten.

Die internationale Gemeinschaft muss dringend gegen die explosiven Kriegsmittelrückstände vorgehen. Zivilisten und vor allem Kinder müssen gegen den Einsatz dieser Waffen geschützt werden.

Es braucht dringend Programme zur Räumung von Minen und anderen explosiven Kriegsmunitionsrückständen und zur Risikoaufklärung sowie Hilfsprojekte für die Opfer. Für sie müssen insbesondere der Zugang zu Rehabilitationsdiensten und deren Qualität garantiert werden.

Handicap International hat zwar in den sensibelsten Zonen und vor allem in Gebieten mit vielen Flüchtlingsbewegungen mit Räumungsaktionen begonnen, doch die Sicherheitsbedingungen erschweren den Materialtransport und ein normales Arbeiten empfindlich. Nach derzeitiger Lage werden Jahrzehnte nötig sein, um das Land von Blindgängern zu räumen. 

Petra Schroeter, Geschäftsführerin von Handicap International Schweiz.

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