Wir müssen die von den Kämpfen eingeschlossene Zivilbevölkerung erreichen

Nothlife
Syrien

Interview mit Maëlle Pelletier, die für Handicap International in Syrien im Einsatz ist. Unsere Teams und Partner unterstützen die syrische Bevölkerung seit 2013 mit Rehabilitationsdienstleistungen und führen im Land Aufklärungskampagnen über die Gefahr von Minen durch. Die heftigen Kämpfe um Aleppo in den letzten Wochen – und das Ausbleiben einer dauerhaften Waffenruhe – schränken die Arbeit unserer Teams und auch der anderen humanitären Organisationen stark ein.

Archivfoto Kobane

Archivfoto der syrischen Stadt Kobane | © Ph. Houliat / Handicap International

Wie ist aktuell die Lage in Syrien und vor allem in der Region Aleppo?

Die Lage in Syrien ist verheerend. Als wir anfingen, in der Region zu arbeiten, dachten wir nicht, dass diese Krise derart lange dauern würde ... Im Laufe der Jahre ist der Konflikt erheblich intensiver geworden. Immer mehr Parteien waren involviert und der Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten wurde immer intensiver, wodurch auch die Zahl der Toten und Verletzten exponentiell angestiegen ist.

Der Norden Syriens ist vom Konflikt besonders schwer betroffen. In dieser Region gibt es keine Kampfpausen. Die Lage ist dauerhaft instabil, der Frontverlauf und die Allianzen verändern sich ständig und zwingen uns, unsere Aktivitäten immer wieder neu einzustellen. Gleichzeitig ist nicht einmal ein Viertel der medizinischen Einrichtungen in Syrien in der Lage, postoperative Pflege anzubieten1. Oft kommen die Verletzten deshalb von weither, um von uns versorgt zu werden. Jeder Bombenangriff hat direkte Auswirkungen auf unsere Arbeit: Die wenigen Krankenhäuser, die noch in Betrieb sind, füllen sich mit neuen Scharen von Verletzten. Wir müssen unsere Kapazitäten erhöhen, um auf alle Bedürfnisse eingehen zu können.

Besonders beunruhigend ist in den letzten Wochen die Lage in Aleppo. Die östlichen Stadtteile werden täglich bombardiert. Mehr als eine Million Menschen in dieser Stadt haben seit Wochen keinen Zugang mehr zu fliessendem Wasser, und viele Gesundheitseinrichtungen sind zerstört worden. In der ersten Oktoberwoche wurden vier der acht Krankenhäuser im Osten von Aleppo bombardiert2. Das grösste wurde innerhalb von wenigen Tagen fünf Mal angegriffen3. Für den Osten Aleppos war der 14. Oktober der schlimmste Tag: Innerhalb weniger als 244 Stunden wurden vier Krankenhäuser und eine Ambulanz von Bomben getroffen5. Hunderte Menschen starben, über Tausend wurden verletzt, und etwa ein Drittel von ihnen sind Kinder… Zudem kommen auf eine Bevölkerung von 250.000 Einwohnern weniger als zehn ChirurgInnen, die in der Lage sind, zu operieren6. Da diese Zone belagert wird, haben die Verletzten nicht einmal die Möglichkeit, sich an einem anderen Ort pflegen zu lassen. In Aleppo sagen viele Leute, die Lage sei seit Beginn des Konflikts noch nie so verzweifelt gewesen. Sie sind von den Kämpfen wirklich eingeschlossen, es fehlt ihnen an allem und sie haben keine Möglichkeit, sich angemessen medizinisch versorgen zu lassen. Einer unserer Partner vor Ort ist sehr besorgt und sagte kürzlich im Vertrauen zu uns: „Die Krankenhäuser werden pausenlos bombardiert, uns gehen die Nahrungsmitteln aus, es gibt kein Wasser mehr und der Strom fällt ständig aus.“

Welches sind vor Ort die dringendsten Bedürfnisse?

Am allerdringendsten braucht die Bevölkerung der bombardierten Zonen – vor allem Frauen, Kinder, ältere Menschen – Zugang zu humanitärer Hilfe und zu medizinischer Versorgung. Die Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen müssen sofort aufhören, aber auch ganz allgemein der Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten. Die Bombenangriffe haben für die Zivilbevölkerung schreckliche Folgen. Aber die Versorgung der Verletzten ist extrem schwierig, solange die Bombenangriffe pausenlos weitergehen. Im Norden Syriens sind die Gesundheitseinrichtungen von den Bombenangriffen besonders schwer betroffen.

Die humanitären Organisationen müssen intervenieren können, um denen zu helfen, die nicht aus den Konfliktzonen flüchten konnten. Sie leben unter kritischen Bedingungen und haben meist keinen Zugang zur Grundversorgung. Wir müssen ausserdem die Möglichkeit haben, die Verletzten aus diesen belagerten Gebieten zu evakuieren.

Welche Rolle spielt Handicap International in der Region?

Wir intervenieren seit 2013 in Syrien, und vor allem waren wir die ersten, die im Norden des Landes für die gefährdete Zivilbevölkerung und besonders für Kinder Aufklärungsprogramme angeboten haben, um sie für Gefahren von explosiven Kriegsresten zu sensibilisieren. Heute sind mehr NGO vor Ort, aber einige von ihnen bitten uns immer noch, ihre Partner auszubilden, damit sie ihre Interventionskapazitäten verstärken können. Im Innern Syriens sind wir eine der wenigen NGO, die vor Ort über qualifizierte AusbilderInnen verfügen, auch für physische und funktionelle Rehabilitation.

In einigen Städten des Landes sind wir die einzige humanitäre Organisation, die Rehabilitationsdienste anbietet. Diese Arbeit hat für uns höchste Priorität, denn wenn die Betroffenen nicht sofort betreut werden, können sich ihre Verletzungen erheblich verschlimmern und dauerhafte Behinderungen zur Folge haben.

Wir ergänzen unser Engagement durch psycho-soziale Unterstützung für die traumatisierten Verletzten, Menschen mit Behinderung und die Angehörigen. Unsere Teams nehmen sich Zeit, hören zu und sind für die Menschen da. Diese brauchen nicht nur Prothesen und Mobilitätshilfen. Sie müssen auch lernen, wieder Vertrauen und Hoffnung zu gewinnen. Wenn wir sehen, dass wir in diesen Punkten erfolgreich sind, motiviert uns das sehr und wir wissen, dass unser Engagement den Menschen ganz konkret hilft.

Handicap International und die Syrienkrise
Seit Beginn des Einsatzes von Handicap International in 2012 haben in Syrien und in den Nachbarländern, in Jordanien, im Irak und im Libanon, über 750.000 Menschen von den Aktivitäten Handicap International profitiert. Wir bieten physische Rehabilitation und psychologische Begleitung an und versorgt Verletzte, Menschen mit Behinderung sowie andere besonders Schutzbedürftige mit dem Lebensnotwendigsten. Handicap International sensibilisiert die lokale Bevölkerung auch für die Gefahren von explosiven Kriegsresten und unterweist sie in sicherem Verhalten, um Unfälle zu verhüten.

 

 

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Nadia Ben Said
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