„Die Offensive auf Mossul lässt eine schwere humanitäre Krise befürchten.“

Nothlife
Irak

Der unmittelbar bevorstehende Angriff auf die Stadt Mossul im Irak könnte eine beispiellose humanitäre Krise auslösen. In diesem Land mit bereits mehr als 3,3 Millionen Vertriebenen könnte mehr als eine Million Menschen gezwungen sein, vor den Kämpfen zu fliehen. Handicap International befürchtet, dass die aus Mossul fliehenden Menschen nicht alle Zugang zu humanitärer Hilfe haben. Im Interview haben wir Thomas Hugonnier, Leiter der Soforthilfemassnahmen im Irak, um eine Lageeinschätzung gebeten.

Einige Zelte stehen auf sandigem Boden. Einige Kinder rennen von der Kamera in Richtung Camp

Einige Zelte stehen auf sandigem Boden. Einige Kinder rennen von der Kamera in Richtung Camp | © Camille Borie / Handicap International

Wie ist die Situation im Irak und speziell in Mossul?

Durch die Kämpfe zwischen bewaffneten Gruppen und Regierungsstreitkräften wurden im Laufe der letzten Jahre mehr als 3,3 Millionen Menschen vertrieben. Schon jetzt benötigen im Irak rund zehn Millionen Menschen humanitäre Hilfe. Mit der Offensive auf Mossul bereiten sich die internationalen Organisationen auf eine beispiellose Herausforderung vor, und dies in einem Land, in dem die humanitäre Lage allein schon aufgrund des Ausmasses der Krise und der Vielfalt der Bedürfnisse kritisch ist.

Mossul ist die zweitgrösste Stadt des Landes. Vor Ausbruch des Konflikts hatte sie 1,8 Millionen Einwohner. Als der Islamische Staat im Juni 2014 die Kontrolle übernahm, flüchtete fast eine halbe Million Menschen aus der Stadt und ihrer Umgebung, hauptsächlich ins irakische Kurdistan. Seither versucht die irakische Regierung, Mossul zurückzuerobern. Nach einem Angriff im März 2016 sind die Regierungsstreitkräfte in den letzten Monaten schrittweise vorgerückt. Mit den jetzt eingeleiteten Militäroperationen wollen sie die Stadt definitiv wieder einnehmen.

Welche humanitären Bedürfnisse kann der Angriff auf Mossul zur Folge haben?

Nach Aussagen der Vereinten Nationen könnte der Angriff auf Mossul zur größten humanitären Krise des Jahres 2016 und zur grössten Wanderungsbewegung seit dem Völkermord von Ruanda führen. Zahlreiche Familien schicken sich derzeit an, aus der Stadt zu flüchten, um dem Angriff zu entkommen. Diese Bewegung dürfte sich mit zunehmender Intensität der Kämpfe beschleunigen. Von der Militäroperation dürften bis zu 1,5 Millionen Menschen aus der Zivilbevölkerung direkt betroffen sein. Eine Million von ihnen könnte in Gebiete flüchten müssen, die von den Kämpfen und damit von ihrem Zuhause weit entfernt sind.

Wir werden die Vertreibung ganzer Familien erleben, die im grössten Durcheinander vor den Gefechten in Mossul flüchten, ohne Nahrung, ohne die Möglichkeit, sich zu pflegen und zu schützen. Diese Zigtausende von Familien werden zudem gefährliche, von explosiven Kriegsresten verseuchte Gebiete durchqueren.

Was unternimmt die internationale Gemeinschaft angesichts dieser Situation?

Die bereitstehenden Mittel sind absolut ungenügend. Bis heute steht nicht einmal die Hälfte des Budgets zur Verfügung, das für die Errichtung von Lagern zur Unterbringung der vertriebenen Familien benötigt wird . Während massive, koordinierte humanitäre Hilfsmassnahmen zu organisieren sind, bleiben die internationale Staatengemeinschaft und die Geldgeber tatenlos. Wenn die Folgen der aktuellen und zukünftigen Vertreibung der Bevölkerung begrenzt werden sollen, müssen jedoch dringend und im grossen Rahmen humanitäre Hilfsmassnahmen vorbereitet werden.

Wie will Handicap International den vertriebenen Familien helfen?

Wir wollen uns auf vier Schwerpunkte konzentrieren: psychosoziale Unterstützung, körperliche Rehabilitation, Inklusion und Massnahmen gegen Minen. In einer derartigen Krise ist die psychosoziale Unterstützung äusserst wichtig: Wir werden Menschen unterstützen müssen, die wahrscheinlich seit mehr als zwei Jahren Gewalt erlebt haben und unter schrecklichen Bedingungen aus ihrem Zuhause flüchten und alles (Angehörige, Wohnung, Arbeitsplatz etc.) zurücklassen mussten. Man kann sich vorstellen, wie traumatisch diese Erfahrung vor allem für Kinder und ältere Menschen sein muss.

Menschen mit Verletzungen und Behinderungen sind bei einer solchen massiven Vertreibung noch hilfloser. Für sie ist es noch schwieriger, Zugang zu medizinischer Versorgung zu finden. Wir wollen deshalb mobile Teams einsetzen, die Heilgymnastik anbieten und Krücken, Rollstühle etc. verteilen. Eines unserer weiteren Ziele ist es, auch die verschiedenen NRO schulen, damit sie in ihrer Tätigkeit die Bedürfnisse besonders schutzbedürftiger Personen ebenfalls berücksichtigen. 20% der Bevölkerung von Mossul sind derzeit alleinstehende Mütter, Personen mit Behinderungen und Schutzbedürftige. Beim Transport von Vertriebenen von den „Sammelbereichen“ aus und ebenso in jedem Lager (Empfang, Sanitäranlagen, Gemeinschaftszentren, Schulen etc.) müssen wir uns immer wieder der Herausforderung stellen, die Zugänglichkeit für die Schutzbedürftigsten zu gewährleisten.

Schliesslich wollen unsere Teams den Schutz der vertriebenen Bevölkerung vor Sprengkörpern verbessern, die nach den Kämpfen zurückbleiben. Dafür wollen sie die Vertriebenen über die von ihnen durchquerten Kampfzonen und über die Vertriebenengebiete in der Ninive-Ebene befragen, um sich von deren Verseuchung mit explosiven Kriegsresten ein Bild zu machen. Zur Verhütung von Unfällen können parallel dazu Sitzungen zur Sensibilisierung für die Gefahren durch Kriegsreste und improvisierte Sprengsätze durchgeführt werden.

Wo liegen bei humanitären Einsätzen in einem solchem Kontext die grössten Herausforderungen?

Wenn die Einwohner aus Mossul flüchten, werden Sie von den verschiedenen Konfliktparteien kontrolliert, die natürlich jede Infiltration durch die Gruppe Islamischer Staat verhindern wollen. Das bedeutet, dass sie während mehreren Tagen in Transitzonen zurückgehalten werden, bevor ihnen die Weiterreise in ein humanitäres Camp gestattet wird, wo sie Hilfe erhalten. Familien können auch getrennt werden etc. Bisher ist für diese Transitzonen keine humanitäre Hilfe vorgesehen, doch die Flüchtlinge werden Wasser, Lebensmittel etc. brauchen. Das alles macht uns grosse Sorgen.

Angesichts der interethnischen Spannungen kann es zudem vorkommen, dass Vertriebene beim Zugang zur humanitären Hilfe aufgrund ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit diskriminiert werden. Diese Spannungen werden wir auffangen müssen.

Weshalb ist der Einsatz von Handicap International wichtig?

Wir intervenieren seit 25 Jahren im Irak und sind seit 2014 bei irakischen Vertriebenen aktiv, in allernächster Nähe der Konfliktzonen, manchmal als eine von nur wenigen präsenten NRO. Wir führen prinzipiell ergänzende Massnahmen durch, indem wir in stabilisierten Zonen für Minenräumungsaktionen sorgen, indem wir Risikosensibilisierungskurse durchführen, indem wir Verletzte pflegen. Dabei darf man nicht vergessen, dass auch die „unsichtbaren Verletzungen“ unbedingt berücksichtigt werden müssen. Hier bieten wir psychosoziale Unterstützung an. In einem so schwer zerstörten Umfeld macht dieses umfassende Massnahmenpaket einen entscheidenden Unterschied. Und unser grösstes Anliegen sind die Schutzbedürftigsten, die Menschen, die sich nicht selbständig fortbewegen können, Kranke und Menschen mit Behinderung. In einer akuten Krisensituation ist es für diese besonders schutzbedürftigen Menschen entscheidend, Zugang zu geeigneter humanitärer Hilfe zu haben.

http://www.unocha.org/top-stories/all-stories/iraq-54-cent-planned-programmes-have-either-shut-down-or-could-not-begin-all


Handicap International und die Krise im Irak

Seit der Einleitung ihrer Hilfsmassnahmen im Irak in 2014 haben über 125.000 Menschen von der Nothilfe von Handicap International profitiert. Da sich die Lage auf dem gesamten irakischen Territorium ständig verändert, werden die Massnahmen des Vereins regelmässig neu bewertet. Derzeit führt Handicap International Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung durch: Sensibilisierung für die Risiken durch Minen und konventionelle Waffen, nicht technische Studien und Säuberung von potenziell gefährlichen Zonen, körperliche und funktionelle Rehabilitation, psychosoziale Unterstützung, Unterstützung für Gesundheitszentren (durch Materialspenden, Ausbildung von Personal und Ausstattung von Räumen, Transporte und angemessene Unterstützung für den Zugang zu Infrastrukturen und Dienstleistungen), Ausbildung, Fürsprache für die Inklusion von Menschen mit Behinderung und technische Unterstützung für Partner, um die Inklusion von schutzbedürftigen Menschen in ihre Dienste zu verbessern.

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