Bombardierung zwingt Menschen aus Syrien zu wiederholter Flucht

Stop Bombing Civilians
Syrien

Handicap International veröffentlicht am 5. Oktober den Bericht: „Überall folgten uns die Bomben“. Er zeigt, wie der Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten in Syrien die Zivilbevölkerung immer wieder zur Flucht zwingt und wie verheerend und anhaltend die sozialen und ökonomischen Folgen der Bombardierungen sind. Handicap International fordert die Konfliktparteien auf, den Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten zu stoppen. Die Organisation appelliert an die internationale Staatengemeinschaft, diese Praxis auf das Schärfste zu verurteilen und sich mit wirkungsvollen Massnahmen für ein Ende einzusetzen.

Amira

Amira | (c) Benoit Almeras / Handicap International

Beruhend auf Interviews mit 205 syrischen Flüchtlingen im Libanon, zeigt der Bericht „Überall folgten uns die Bomben“, wie die Bombenangriffe zu mehrfachen Zwangsvertreibungen führen. Fast die Hälfte der Befragten gab an, dass sie zunächst innerhalb ihrer Heimatstadt vertrieben wurde – im Schnitt dreimal – bevor die Menschen im Libanon schliesslich Zuflucht fanden. Über die Hälfte floh vor der Flucht in den Libanon in eine oder mehrere andere Städte innerhalb Syriens.

Bombardierungen und Beschuss werden von den Interviewten als häufigster Grund für die Zwangsvertreibungen innerhalb und ausserhalb ihrer Heimatorte genannt (36 Prozent der Antworten), gefolgt von bewaffneter Gewalt (25 Prozent ) und dem Anstieg der Kriminalität in Syrien (23 Prozent). Verletzungen oder der Verlust nahestehender Menschen durch Bombardierungen, die Zerstörung von Häusern und der öffentlichen Infrastruktur, insbesondere die Verschlechterung der Gesundheitsdienste, sowie der Verlust von Lebensgrundlagen vor allem in halb-städtischen Gebieten sind Auslöser für die massenhaften Zwangsvertreibungen der syrischen Bevölkerung.

„Die Angst, durch Bombenangriffe getötet oder verletzt zu werden, ist die Hauptfluchtursache für die syrische Bevölkerung, denn unterschiedslose Bombardierungen sind im Syrienkonflikt zur Regel geworden“, so Petra Schroeter, Geschäftsführerin von Handicap International Schweiz. „Die Flucht der Syrerinnen und Syrer ist nicht immer linear. Sie fliehen mehrfach und müssen komplizierte Umwege auf sich nehmen. Diese Zwangsvertreibungen können sich über einen langen Zeitraum hinziehen - teilweise bis zu mehrere Monate. All dies führt zu der massiven Not, der die Menschen ausgesetzt sind“.

> Verarmung und Trauma der Bevölkerung

Der Bericht verdeutlicht ausserdem die Verarmung der Bevölkerung, die oft alles verloren hat. 44 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre Lebensgrundlage (Vieh, Geschäfte etc.) durch Bombardierungen zerstört wurde. Die Vertriebenen verloren bei mehreren Gelegenheiten Eigentum und Lebensgrundlagen: jedes Mal wenn sie Opfer von Gewalt wurden oder dieser ausgesetzt waren und sich gezwungen sahen, wieder zu fliehen. 90 Prozent der im Rahmen des Berichts befragten syrischen Flüchtlinge im Libanon gaben an, dass ihre Häuser oder Lebensgrundlagen durch den Einsatz explosiver Waffen zerstört wurden.

Ohne Zuhause und ohne Einkommen, extrem verarmt, orientierungslos aufgrund der Zwangsvertreibungen, die Kinder ohne Schulbildung, abhängig von Almosen – der Bericht wirft ein Licht auf die dramatischen Auswirkungen der massiven Bombenangriffe auf die syrische Bevölkerung und unterstreicht damit das massive Gefühl des Verlusts der Würde, das die Menschen in den Interviews angaben.

Nach den physischen Risiken (50 Prozent der Antworten) und der Zerstörung der Heimstätten und der öffentlichen Infrastruktur (36 Prozent), nennen die Befragten die psychischen Konsequenzen, wie Angst, Stress und Verzweiflung als dritthäufigste allgemeine Auswirkung des Einsatzes von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten (35 Prozent). Die Studie zeigt ausserdem, dass die Zerstörungen durch die Bombenangriffe eine spezifische Auswirkung auf Frauen haben. Sie leiden besonders unter der sozialen Zerrüttung in Folge der Bombenangriffe, verlieren die Mittel zur Wahrung ihrer körperlichen Integrität und werden eher Opfer krimineller Aktivitäten.

Der aktuelle Bericht folgt dem Bericht „Qasef: Flucht vor den Bomben“ vom Oktober 2016, der deutlich machte, dass der massive Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten einer der Hauptgründe für die Flucht der syrischen Bevölkerung ist.

> Eine Kampagne um „STOP BOMBING CIVILIANS!“ zu sagen

Anfang September startete Handicap International die weltweite Kampagne „Stop Bombing Civilians“, um eine Million Unterschriften zu sammeln und somit die Staaten auf die verheerenden Folgen des Einsatzes von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten aufmerksam zu machen. Die Organisation appelliert an die Staaten, das Leiden der Zivilbevölkerung anzuerkennen sowie eine politische Deklaration zu verabschieden, die dem Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten ein Ende setzen soll. Mit diesem Ziel hat die Organisation auch die Koalition INEW (International Network On Explosive Weapons) mitgegründet, die mehrere nationale und internationale Organisationen vereint. 

> Methodik 

Der Bericht „Die Bomben folgten uns überall“ basiert auf Telefonumfragen unter 205 syrischen Flüchtlingen im Libanon zwischen dem 20. und dem 26. Juli 2017 sowie Tiefeninterviews mit 14 syrischen, weiblichen Flüchtlingen zwischen dem 4. und dem 10. August 2017. Die Befragten waren zwischen 19 und 87 Jahren alt, 135 waren Männer, 72 Frauen. 


Handicap International und die syrische Krise

Über 600.000 Menschen haben seit 2012 von den Aktivitäten von Handicap International profitiert. Die Organisation bietet Dienstleistungen in Bezug auf physische Rehabilitation an, psychologische Begleitung sowie die Verteilung von Nothilfegütern und geht so auf die grundlegenden Bedürfnisse der verletzten, behinderten und weiteren besonders schutzbedürftigen Menschen ein. Um Unfälle mit explosiven Kriegsresten zu vermeiden, klärt Handicap International die Bevölkerung über die Gefahren auf und vermittelt sicheres Verhalten.

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