Interview mit Martina Vohankova, Projektmanagerin für Gesundheit und Minenaktion für Handicap International Syrien

Syrien

Martina Vohankova stammt aus Tschechien und ist Projektmanagerin für Gesundheit und Minenaktion für Handicap International Syrien. Seit 2012 hat sie für Projekte der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe in Uganda, Kambodscha und Südsudan gearbeitet. In den zwei letzten Jahren war sie bereits im Nahen Osten tätig, zunächst im Irak und seit Mai 2016 mit Handicap International für die Projektarbeit in Syrien.

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Wie sind die derzeitigen Lebens- und Arbeitsbedingungen in Syrien?

Wie man sich vielleicht vorstellen kann sind die Lebensbedingungen extrem schlecht. Viele Menschen haben kein Einkommen und kein Geld mehr übrig. Die Preise sind unrealistisch hoch. In manchen Gebieten muss man 12 Dollar für einen Liter Benzin bezahlen. Die grosse Mehrheit der Leute kann sich das nicht leisten. Ausserdem stellt es natürlich ein grosses Hindernis für die Arbeit dar, vor allem, wenn man unterwegs sein muss. Aber nicht nur das Reisen wird erschwert, auch das Heizen. In vielen Teilen Syriens ist der Winter sehr rau. Die Anzahl an Familien, die ihr Zuhause verlassen mussten oder deren Häuser zerstört wurden ist nahezu unzählbar. Sie leben jetzt häufig in Unterkünften, die auch im Winter nicht beheizt werden können.

Ein anderes, riesiges Problem besteht in dem absoluten Mangel an medizinischer Versorgung für die vielen Kranken und Verletzten. In den meisten Gebieten ist das Gesundheitssystem komplett zusammengebrochen. Es gibt weder Krankenhäuser noch Krankenstationen. Insbesondere in besetzten Gebieten ist es sehr schwer an medizinische Versorgung zu kommen.

Aus welchen Aufgaben besteht deine Arbeit denn genau?

Ich arbeite als Projektmanagerin für Gesundheit und Inklusion und bin auch im Bereich Minenaktionen tätig. Wir leisten viel Unterstützungsarbeit für lokale Strukturen. So finanzieren wir zum Beispiel Gehälter oder laufende Kosten von Projekten und Aktivitäten in Syrien. In allen Gebieten zu denen wir Zugang haben, haben wir auch Partner und kommen durch unsere Netzwerke mit den Menschen vor Ort in Kontakt. Eine unserer Prioritäten besteht darin, den Mitarbeitenden Weiterbildungen zu ermöglichen. Wir bieten Trainings und Fortbildungen für die Leute an, die in diesen Projekten arbeiten. Wir unterstützen MitarbeiterInnen, indem wir um Beispiel Fälle aus ihrem Arbeitsalltag und die Belange Einzelner mit ihnen diskutieren. Wir unterstützen unsere Partner auch durch das Bereitstellen von Geld und Material. Immerhin ist das meiste Material, das für diese Art von Projekten gebraucht wird, in manchen Teilen von Syrien noch erhältlich.

Was macht ihr in dem Bereich Minenaktionen?

Unser Schwerpunkt liegt auf der Risikoerziehung, was sehr wichtig ist, vor allem für Kinder. Wir unterrichten die lokale Bevölkerung insbesondere in Gebieten, wo eine grössere Anzahl an Explosivwaffen zum Einsatz kam. Unsere Risikioerziehungs-TrainerInnen werden von uns für diese Aufgabe qualifiziert und nehmen regelmässig an Fortbildungen teil. Unser Fokus liegt auf den Kindern, die normalerweise keine Ahnung haben, wie gefährliche explosive Kriegsüberreste sind. Die Frauen beziehen wir auch stark ein. Als Mütter, die ihre Kinder erziehen, spielen sie eine Schlüsselrolle. Unsere Teams gehen in öffentliche Einrichtungen wie Schulen oder Krankenhäuser, betreiben aber auch Aufklärungsarbeit in Privathaushalten, um über die Gefahren explosiver Kriegsüberreste aufzuklären und darüber, wie man Unfälle vermeidet.

Hast du denn den Eindruck, dass du mit deinem Job wirklich helfen kannst?

Ja, natürlich. Innerhalb Syriens gibt es so viele Menschen,  die dringend Unterstützung brauchen und wir versuchen die Lücke zu füllen, die das Wegbrechen der grundlegendsten Versorgungsleistungen hinterlassen hat. Es gibt eine Millionen Verletzte, die Unterstützung brauchen. Jede Art von Rehabilitationsangebot ist extrem wichtig für sie.

Essenziell in einer solchen Situation ist auch die psychosoziale Betreuung. In unseren Partnerprojekten arbeiten syrische PsychologInnen. Für sie ist es eine grosse Stütze, sich mit anderen psychologischen ExpertInnen austauschen zu können, die Fälle mit ihnen besprechen und sie aber auch selbst darin unterstützen, mit dieser Extremsituation umzugehen. Diese PsychologInnen leben und arbeiten selbst unter extrem harten Bedingungen und hören sich Tag für Tag diese ganzen schrecklichen Geschichten an.

Was war für dich persönlich die wichtigste Erfahrung hinsichtlich deiner Arbeit in Syrien?

Ich denke, der direkte Kontakt zu den ganzen Menschen, die dort arbeiten. Da draussen gibt es so viele mutige Menschen. Sie sind selbst von diesem Konflikt betroffen und machen trotzdem so eine wundervolle Arbeit für andere. Das ist eine unglaubliche Erfahrung für mich und eine grosse Motivation für meine Arbeit. Sie riskieren ihr eigenes Leben, jeden Tag – und arbeiten einfach weiter.
Eine weitere Erfahrung, die sehr wichtig für mich war, ist zu sehen, wieviel die Nachbarländer für einen grossen Teil der syrischen Geflüchteten tun. Und dann ins Nachdenken zu kommen: Ich komme aus Europa, aus einem Land, das für Geflüchtete nicht offen ist. Ich denke, dass Europa diese Verantwortung mit den Nachbarstaaten Syriens teilen müsste. Die meisten Menschen in Syrien wurden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Europa steht in der Verantwortung, diesen Menschen dabei zu helfen, dass ihre grundlegendsten Menschenrechte geachtet werden.

Du hast auch schon in anderen Ländern gearbeitet, dem Südsudan etwa oder auch dem Irak. Was unterscheidet deinen Job in Syrien von deinen früheren Tätigkeiten?

Was die Arbeit hier in Syrien unterscheidet ist vermutlich die Grössenordnung dieser Krise, die eigentlich nicht verglichen werden kann. Das Ausmass an Gewalt und diesen absoluten Mangel an Respekt vor dem internationalen Völkerrecht habe ich bisher noch nirgendwo erlebt. Was dazukommt, ist die enorme Komplexität des Konflikts und die internationale Verstrickung. Was ich im Sudan gesehen habe war extrem, aber es war immer noch ein regionaler Konflikt. In Syrien sind Schritt für Schritt fast alle Staaten in der Region und noch viele weitere Player involviert. Die Auswirkungen dieser Krise gehen weit über Syrien hinaus.

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