Wie man humanitäre Hilfe im Jemen leistet

Nothlife
Jemen

Maud Bellon, HI-Einsatzleiterin im Jemen, beschreibt die Situation in Sana'a, wo HI humanitäre Hilfe leistet. 

Rehabilitationsmassnahmen im Mai 2018 in einem vom HI unterstützten Krankenhaus

Rehabilitationsmassnahmen im Mai 2018 in einem vom HI unterstützten Krankenhaus | © Peter Biro / ECHO

Montag, 12. November 

Die Sicherheitslage in Sana'a ist im Moment relativ entspannt. Seit einigen Wochen gibt es fast keine Bombenangriffe mehr. 

Wir treffen uns um 8 Uhr morgens im Büro. Anschliessend fahren die Teams zu den acht Krankenhäusern und Rehabilitationszentren, in denen wir arbeiten. Es dauert so zwischen 20 Minuten und einer Stunde, um vom Büro dorthin zu kommen, je nachdem, wo sich das Ziel befindet. Die Anforderungen sind immer unterschiedlich, so dass wir in Teams von zwei bis acht Personen arbeiten, darunter Physiotherapeuten und psychosoziale Mitarbeiter. Die Teams verbringen den Tag dort und kommen um 15 Uhr zurück. 

Wir helfen den Opfern mit Rehabilitationsmassnahmen und psychologischer Unterstützung. Die Teams unterstützen auch Physiotherapeuten in Gesundheitseinrichtungen und bilden Pflegekräfte und Ärzte in Reha-Massnahmen aus, zeigen die richtigen medizinischen Verfahren, den Umgang mit Geräten usw.

Der Arbeitsanfall schwankt stark, da die Opfer nach Kampfhandlungen und Gewalt in Wellen ankommen. Wir müssen uns auf die plötzliche Ankunft einer grossen Anzahl von Patienten vorbereiten. In Sana'a arbeiten wir in einem gebirgigen Gebiet, sodass es medizinische Engpässe gibt. Menschen kommen von sehr weit her, um behandelt zu werden. In vielen Gebieten im Jemen mangelt es an medizinischer und sozialer Versorgung. 

Dienstag, 13. November 

Heute gingen der Physiotherapeut Aiman und die Sozialarbeiterin Sana in das Rehabilitationszentrum der Stadt. Sie trafen etwa fünfzehn Patienten, die bereits eine Prothese haben oder noch eine  bekommen werden, für Untersuchungen und Übungen.

Die meiste Zeit verbrachten sie mit der kleinen Afraq, einer neuen Patientin: Afraq ist 12 Jahre alt. Sie lebt auf dem Land. Vor drei Monaten trat sie auf eine Mine, während sie Holz sammelte, um das Abendessen zu kochen. Ihr Bein musste bei einer Notfalloperation amputiert werden.

„Jetzt bekommt sie ihre erste Prothese. Ihr Stumpf ist gesund und ausreichend muskulös. Die Wunde ist gut verheilt und nässt nicht. Wir haben heute Maße genommen und eine Gussform für das Zentrum angefertigt, um die erste Prothese anzufertigen. Wir übernehmen die Kosten. Ich sage „erste" Prothese, denn mit dem Wachstum wird sie sie regelmäßig wechseln müssen.....“, erklärt Maud Bellon

In der Zwischenzeit wurden letzte Woche ihre Achsel-Krücken) aus dem Krankenhaus gegen Unterarmgehstützen ausgetauscht. Damit kann sie sich leichter bewegen. Sie kann dadurch eine weniger starre Haltung einnehmen, die Krücken besser bedienen und sich somit leichter und schneller fortbewegen. 

Sana hilft Afraq mit der notwendigen psychologischen Unterstützung. Eine Amputation löst einen Schock aus. Afraq hat das Vertrauen in sich selbst verloren. Man muss sie davon überzeugen, dass sie auch mit einer Prothese weiterhin ein normales Leben führen und mit ihren Freunden spielen kann wie jedes andere kleine Mädchen in ihrem Alter.... Sie sollte keine Angst haben, zu laufen.

„Sobald ihre Prothese fertig ist, beginnen wir mit den Übungen, um ihr beizubringen, wie man sie benutzt, anlegt und sich damit bewegt. Dies geschieht in etwa zehn 30-minütigen Sitzungen über mehrere Tage verteilt“, berichtet Maud weiter.
 

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