Kriegstraumata: eine tickende Zeitbombe für Gesellschaften im Wiederaufbau

Gesundheit und Prävention

Die Konflikte mit bewaffneter Gewalt hinterlassen bei den betroffenen Menschen im Irak, in Syrien, Jemen, Libyen und der Ukraine psychische Gesundheitsprobleme und traumatisieren so eine ganze Generation von Menschen. Da sie oftmals nicht behandelt werden, können psychische Belastungsstörungen in Verbindung mit Kriegstraumata schwerwiegende Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft haben und ihren Wiederaufbau behindern.

Ein Mitarbeiter von Handicap International führt mithilfe von Bildern Logopädietraining mit einem Kind durch.

Logopädiestunden in einem der drei Zentren für Kinder, die von Handicap International im Libanon unterstützt werden | © Handicap international

Nach Beobachtungen von Handicap International ist der Bedarf in den Bereichen der psychischen Gesundheit und der psychosozialen Unterstützung in Syrien, im Irak und im Jemen unter den Vertriebenen und den Flüchtlingen enorm. Im Juni 2016 veröffentlichte Handicap International den Bericht „Syrien: eine verstümmelte Zukunft“. Laut diesem Bericht leiden 80% der Opfer von Bombardierungen, die in den Flüchtlingslagern im Libanon und Jordanien befragt wurden, unter schweren psychischen Störungen.

Psychische Gesundheitsprobleme, die durch die aktuellen Konflikte verursacht werden, betreffen hunderttausende Menschen. Sie werden langfristige Folgen haben, auch eine nachhaltige Wirkung auf zwischenmenschliche Beziehungen. Damit erschweren sie auch die Bemühungen, die Gesellschaft wiederaufzubauen, wenn der Konflikt einmal beendet ist“, erklärt Sarah Rizk, Beraterin für Gesundheit und Vorsorge bei Handicap International. „Nur eine tiefgreifende Kenntnis des Bedarfs gemeinsam mit angemessener Unterstützung kann die psychologischen Auswirkungen von Gewalt abmildern. Diese Aufgabe hat sich Handicap International gestellt.“

 

Die Gewalt des Krieges hinterlässt Spuren

 

Eine Studie für die Weltgesundheitsorganisation über die Bedürfnisse syrischer Flüchtlinge wurde im Jahr 2015 von der Universität Kocaeli unter syrischen Flüchtlingen in der Türkei durchgeführt. Sie zeigt zum Beispiel, dass die große Mehrheit direkt die Gewalt des Krieges erlebt hat: Beinahe 70 % der Befragten hatten eine nahestehende Person verloren, mehr als 50 % hatten sich inmitten der Kampfhandlungen befunden, ebenfalls 50 % haben ihr Zuhause verloren – und die Liste geht weiter. Eine ganze Menge an traumatisierenden Erlebnissen, für die jeweils maßgeschneiderte Unterstützung benötigt wird.   

Beinahe alle Kinder aus vertriebenen oder geflüchteten Familien, die Handicap International unterstützt, und die der Gewalt in Syrien, im Irak oder Jemen ausgesetzt waren, leiden unter Schlaflosigkeit oder Alpträumen, weisen Anzeichen von Hyperaktivität oder Müdigkeit auf, dazu kommen Kopfschmerzen, Aufmerksamkeitsstörungen usw.

Das Erleben bewaffneter Gewalt führt zu Phasen von Aufregung oder Benommenheit, die sich später in der Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen oder alltägliche Aufgaben auszuführen, niederschlagen. Dies wird begleitet von Angstzuständen, Depressionen, traumatischen Belastungsstörungen etc. Unter den schwerwiegendsten Konsequenzen, die die Teams von Handicap International beobachteten, stehen Identitätsverlust, Gedächtnisverlust oder vollständiges Verstummen.

In den betroffenen Ländern mangelt es an Versorgungsangeboten und Investitionen im Bereich der psychischen Gesundheit. Dies stellt eine tickende Zeitbombe für den Wiederaufbau dar. Wenn es keine angemessene humanitäre Hilfe gibt, die den Bedarf einer ganzen Generation von betroffenen und traumatisierten Menschen abdecken kann, so riskieren wir, dass der Wiederaufbau des sozialen Gefüges nachhaltig gefährdet wird. Handicap International hat in Gesellschaften, die von bewaffneter Gewalt heimgesucht wurden, oftmals Störungen beobachtet, die sich unter anderem in steigendem aggressivem oder riskantem Verhalten (z.B. übermäßiger Alkohol- und Drogenkonsum) und in körperlicher sowie sexueller Gewalt äußern.

Das Beispiel des Genozides in Ruanda 1994, bei dem fast eine Million Menschen ums Leben kam, zeigt, dass die psychologischen Folgen von Gewalt lange andauern und dass sie tiefgreifende und nachhaltige Wirkungen auf das harmonische Zusammenleben haben können: 22 Jahre nach dem Genozid leiden immer noch viele Menschen unter den erlittenen Traumata, was sich schwerwiegend auf den sozialen Zusammenhalt und das gegenseitige Vertrauen auswirkt. Handicap International führt in Ruanda aktuell Projekte in der psychologischen Unterstützung durch, an denen 6000 Menschen teilnehmen.

 

Unser Einsatz

 

In 24 Ländern der Welt führt Handicap International derzeit Programme zur psychosozialen Unterstützung und psychischen Gesundheit durch, von denen sich 8 Länder in akuten Notlagen befinden. Wir sensibilisieren die lokale Bevölkerung und die Gesundheitsbehörden sowie Versorgungsträger für Probleme der psychischen Gesundheit. Weiterhin bieten wir den betroffenen Menschen psychosoziale und psychologische Hilfe an und vermitteln sie an bestehende Versorgungsangebote.  

2015 hat Handicap International 60.000 Menschen im psychosozialen Bereich unterstützt, davon allein 20.000 Menschen in Nothilfeeinsätzen. Als Reaktion auf die Krise in Syrien und im Irak haben wir seit Mai 2012 psychosoziale Unterstützung für etwa 16.000 Menschen geleistet. Im Jemen haben wir seit September 2015 mehr als 3200 Menschen mit psychosozialer Unterstützung versorgt.

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