Amiras erste Schritte

Betroffenen Rehabilitation
Irak

Amira ist 11 Jahre alt. Im März 2017 wurde sie bei einem Bombenanschlag in Mossul verletzt und leidet seitdem an einem gebrochenen Bein. Sie lebt mit ihrer Familie im Hasansham Lager für vertriebene Menschen, wo sie von Handicap International (HI) Rehabilitationsbetreuung bekommt.

Mohammad bei einer Physiotherapie-Sitzung mit Amira

Mohammad bei einer Physiotherapie-Sitzung mit Amira | © E. Fourt / Handicap International

Amira liegt vollkommen still und ruhig auf einer Matratze, ab und zu nur bewegt sie sich, um eine Fliege wegzuscheuchen, die ziellos über ihrem Kopf herumschwirrt. Als Mohammad, der Physiotherapeut von Handicap International, kommt, um ihre Rehabilitationssitzung zu starten, hält sie ihre Augen fest geschlossen und weigert sich, mit ihm zu reden. Es dauert eine Weile bis Mohammad sie zur Ruhe bringt und ihr Vertrauen gewinnt. "Ich treffe viele Kinder wie Amira", erklärt Mohammad. "Manche sind noch immer zutiefst traumatisiert von allem, was sie während der letzten Jahre durchgemacht haben. Andere wiederum leiden auch, allerdings nur unter ihren Verletzungen. Sie fürchten sich davor, dass die Physiotherapie ihnen Schmerzen bereitet. Die ersten Sitzungen sind die wichtigsten Teile meiner Arbeit, da die Kinder mich als einen Verbündeten anerkennen müssen – jemand, der ihnen hilft, sich mit der Zeit wieder zu erholen."

Amira öffnet nun endlich ihre Augen. Ein schüchternes Lächeln blitzt über ihr Gesicht. Mohammad überzeugt sie davon, ein paar bestimmte Bewegungen zu machen, um den Ernst ihrer Lage einschätzen zu können. Da ihr Fuss immer noch sehr schmerzt, fallen ihr die ersten Übungen schwer. "Sie hätte schon vor langer Zeit wieder genesen sollen", erklärt Mohammad. "Es dauert normalerweise nicht so lange bis ein gebrochenes Bein heilt. Aber Amira kann nicht einmal gehen. Dass sie für so lange Zeit keine ordentliche Betreuung hatte, hat alles noch viel schlimmer gemacht."

"Wir waren im Belagerungszustand"

Obwohl Amira schon im März verletzt wurde, bekam sie erst im Juni die richtige Behandlung, als sie das Lager erreichte. "Wir waren gerade zuhause als wir von einem Geschoss getroffen wurden", sagt Hamid, ihr Vater. "Eine der Wände stürzte auf Amira und sie wurde dabei ernsthaft verletzt. Wir wurden zum Krankenhaus in Mossul gebracht und blieben dort für einige Tage, aber die Versorgung war nicht sehr umfangreich. Dann blieben wir für weitere drei Monate in der Stadt. Wir waren im Belagerungszustand und konnten nicht fliehen. Wir lebten alle in einem kleinen Raum ohne Essen und Wasser und warteten auf eine Gelegenheit zur Flucht. Stell dir mal vor, drei Monate so zu leben..."

Hamid hält einen Moment inne, um seiner Tochter zu helfen. Mit Mohammads Hilfe unterstützt er Amira, während sie aufsteht und versucht mit ihren Krücken zu gehen, die HI ihr gegeben hat. "Es ist erst das zweite Mal innerhalb von drei Monaten, dass sie auf zwei Beinen steht", erklärt er.

"Amiras Muskeln und Sehnen sind noch immer stark geschädigt", fügt Mohammad hinzu. "Und ihr Fuss ist ernsthaft deformiert. Aber wir werden mit den Übungen fortfahren, damit sie wieder gehen kann. Zuerst nur mit den Krücken und dann irgendwann ohne Mobilitätshilfen."

Am Ende der Physiotherapiesitzung sagt Mohammad: "Ich werde auch noch einen Psychologen bitten, zu Amira zu kommen. Es ist wichtig, dass sie ihre Ängste überwindet und dass ihre Familie versteht, warum ihre Unterstützung ein wichtiger Teil ihrer Genesung ist." Als Amira sich wieder zurück auf ihre Matratze setzt, wendet sie sich an Mohammad und fragt: "Und du, wann kommst du wieder zur nächsten Sitzung?"

 

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